UNESCO-Weltkulturerbe „Klassisches Weimar“

Künstler und Künstlerinnen aus Sachsen

Noch bis Freitag, 04. November 2022 Altes Schloss Eintritt frei

Galerie Schloss Ettersburg . Ausstellung Im Rückspiegel

Künstler und Künstlerinnen aus Sachsen

Gemälde, Aquarelle, Druckgraphik
Karl Schmidt-Rottluff, Conrad Felixmüller, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, A.R. PenckKünstlergruppe Clara Mosch u.v.a. 
42 Leihgaben aus einer Privatsammlung.
Ausstellung bis 4. November, Mo – Fr. 9 bis 16 Uhr.

***
Dr. Hans-Dieter Mück (Utenbach/AP)
Eröffnungsrede zur Ausstellung, 22. Mai 2022

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde, willkommen zur 2. Ausstellung des Jahres 2022 mit Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und druckgraphischen Blättern von Künstlern der Jahrgänge 1881 bis 1967 aus Sachsen. Wir verdanken die Präsentation von insgesamt 42 Werken von 6 Künstlerinnen und 36 Künstlern der Sammelleidenschaft eines zeitgenössischen Holzschneiders, Malers und Bildhauers aus dem sächsischen Vogtland ‒ den ich mit seiner Ehefrau Steffi besonders herzlich in unserem Kreis begrüßen und mit einem ›Vergeltʼs Gott‹ bedanken darf. Meiner Beharrlichkeit und unserer jahrzehntelangen Freundschaft ist es geschuldet, daß ich ihn davon überzeugen konnte, seine privaten Kunstschätze bis Anfang Nov. hier in der Galerie Schloß Ettersburg erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren ‒ wobei die beiden Ausstellungen mit hochkarätigen Leihgaben aus der Sammlung von Bernd Heinichen sein ursprüngliches Zögern zu überwinden halfen, auch uns an den Früchten seiner jahrzehntelangen Sammeltätigkeit mit unseren Augen erfreuen zu können. Es spricht für seine Bescheidenheit und für seine Liebe zur Kunst seiner künstlerischen Vorgänger und seiner zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen, daß er auf die Präsentation eines eigenen Werkes verzichtete ‒ denn bei diesem (wohl) erstmaligen Überblick über ›Künstler aus Sachsen‹ wäre es ein Muß gewesen, auch eine Arbeit von ihm zu zeigen. Dieses Spezifikum ‒ die Beschränkung auf Künstler aus Sachsen ‒ bestärkte auch meinen Wunsch, seine Spezialsammlung am für mich schönsten Ort Thüringens für ein halbes Jahr auszustellen.

Um ehrlich zu sein: Ich kannte von den 42 Künstlern bis zum Aufbau dieser Ausstellung (wie immer mit Erwin Stephan) selbst nur Werke von etwas mehr als der Hälfte der Künstler Sachsens. Denn ‒ u. das ist ein Manko unserer dt. Kunstmuseen: Daß sie ganz selten, eigentlich gar nicht, dem Reisenden in Sachen Kunst einen Überblick über die jeweilige regionale Kunstszene der Vergangenheit und Gegenwart bieten, sondern das Präsentieren sog. ›Weltkunst‹ krampfhaft ‒ u. meist dilettantisch ‒ versuchen, wobei aufgrund ständig schrumpfender Ankaufsetats mittlerer und kleinerer Museen bei ständig durch die Decke gehender Auktionsergebnisse das stolz Gezeigte nur 2. Wahl sein kann (was sie aber mit aufwendig gestalteten Flyern und im Internet als 1. Wahl zu vermarkten verstehen).

Doch zurück zum heutigen Anlaß und Thema: Um Sie nicht mit Fakten über die Biographien der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler und mit Beschreibungen der noch nicht gesehenen Werke zu langweilen ‒ denn wir sind ja nicht in einem Proseminar einer dt. Universität, wo allerdings regionale Gegenwartskunst keinesfalls Thema ist ‒ will ich mich auf einen kunsthistorischen Rückblick auf die Entwicklung der Kunst in Sachsen beschränken, damit Sie bei Ihrem späteren Rundgang die Exponate grob einordnen und stilistisch besser verstehen können ‒ auch wenn man Kunst nicht kopflastig verstehen, sondern sowohl mit den beiden Augen sehen als auch mit dem dritten Auge, dem ›Herzauge‹, fühlen soll (wie in den 50er Jahren HAP Grieshaber seinem Publikum empfohlen hatte). An der Dresdener ›Königl. Akademie der bildenden Künste‹ wurde bis 1895 nur realistische Historien-, Genre- u. Porträtmalerei gelehrt, u.a. von dem schon 1862-1872 an der Weimarer ›Großherzoglichen Kunstschule‹ als Professor tätigen Belgier Ferdinand Pauwels. Erst mit den Berufungen 1895/96 der Professoren Gotthardt Kuehl und Carl Noah Bantzer wurde die von den Kunststudenten seit Jahren geforderte ›Lichtmalerei‹ gelehrt, die bereits ab 1860 als sog. Impressionismus die französische Kunstszene revolutioniert und ab 1885 als Neoimpressionismus mit pointilistischen Gemälden Furore gemacht hatte. Aber: Während Gotthardt Kuehl seine Schüler nur den Blick aus dem Atelierfenster auf Dresden und die Elblandschaft malen ließ, ging Bantzer im Sommersemester 1897 erstmals mit seinen Studenten vor die Natur, ins Freie, um sie Pleinairmalerei lehren zu können, d.h. die künstlerische Wiedergabe von subjektiven Licht- und Farbeindrücken vor und von der Landschaft.

NB: Um bei dieser Gelegenheit die Progressivität der Weimarer Kunstschule ins Bewußtsein zu rücken: Bereits 23 Jahre früher hatte Theodor Hagen mit seinen Schülern, darunter sein Meisterschüler Karl Buchholz, im Webicht erste pleinairistische Baum- und Waldstudien gefertigt, weshalb die ›Großherzogl. Kunstschule‹ in Weimar als erste dt. Kunstakademie die »frische Richtung dt. [impressionist.] Landschaftsmalerei« (Eugen Bracht, Sept. 1874) im Lehrprogramm hatte und die daraus entstehende ›Weimarer Malerschule‹ ab 1875 unzählige Schüler aus ganz Dtld u. aus Skandinavien anlockte, um außer an den privaten Pariser Academien impressionistische Malerei nun auch in Weimar erlernen zu können.  Angesichts der geschilderten konservativen Situation an der Dresdener Kunstakademie am Ende des 19. Jhdts ist es deshalb umso erstaunlicher, daß bereits im Juni 1905 im Dresdener Vorort Friedrichstadt vier Architektur-Studenten ‒ der Zwickauer Fritz Bleyl und die drei Chemnitzer Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff ‒ der bisherigen Kunst den Kampf ansagten und als ›Künstlergruppe Brücke‹ nicht nur die dt., sondern auch die gesamte europäische Kunstszene revolutionierten: Indem sie am Ufer der Elbe den Expressionismus aus der Taufe hoben, um ‒ beeinflußt von Werken van Goghs, Edvard Munchs, Paul Cézannes, Paul Gauguins und von Henry Matisse, aber auch von Werken Dürers und Cranachs ‒ mit Hilfe avantgardistischer künstlerischer Ausdrucksweisen zu ›Neuen Ufern der Kunst‹ aufbrechen zu können. Für diese Gründungsmitglieder- zu denen 1906 noch Emil Nolde, Hermann Max Pechstein und der Schweizer Cuno Amiet, sowie, Ende Mai 1910, auch noch Otto Mueller als Aktiv-Mitglieder stießen ‒ bedeutete die sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit der Impressionisten nur noch eine optische Durchgangsstation zur individuell variablen, seelisch erfahrbaren Wirklichkeit.

Expressionismus als Kunst der subjektiven seelischen Expression eines Künstlers strebt nicht mehr das Abbild der Wirklichkeit an, sondern das individuelle Sinnbild der gesehenen und gefühlten Realität vor des Künstlers Auge bzw. seines ›Herzauges‹. Das zeigte sich bei den Aktiv-Mitgliedern der ›Künstlergruppe Brücke‹ am deutlichsten beim gemeinsamen Zeichnen bzw. Malen in den Sommern 1909-1911 an den Moritzburger Teichen, die jeder Künstler innerlich anders empfand, weshalb auch teilweise fast kontrovers gemalte Bilder desselben Sujets mit nackten Badenden entstanden sind, analog zu den verschiedenartigen Temperamenten und Farbauffassungen der Künstler, die nicht nur die Naturformen der Badenden zu ›Hieroglyphen‹ vereinfachten, sondern, je nach seelischer Verfaßtheit, auch die Farben der Natur gegen die Vorlage veränderten. Denken Sie an die blauen, grünen oder roten Pferde Franz Marcs ‒ die allerdings schon auf dem Teppich von Bayeux aus dem späten 11. Jhdt in diesen Farben gestickt waren ‒ und denken Sie an die kantigen weibl. Formen bzw. die entindividualisierten, stark abstrahierten Gesichter auf Schmidt-Rottluffs und Pechsteins druckgraph. Blättern (in dieser Ausstellung nachzuprüfen) ‒ die allerdings auch schon bei abstrahierten Skulpturen außereuropäischer sog. primitiver Kunst anzutreffen waren ‒ was wiederum beweist: Daß es in der Kunstgeschichte kaum etwas Neues unter der alten Sonne gab, sondern nur dem jeweiligen Zeitgeist geschuldete Variationen des Vergangenen. So finden sich z.B. in der pers. Kunst des 4. Jahrtausends v. Chr. bereits überlängte dünne Figürchen, wie sie dann Alberto Giacometti ab 1940 zu modellieren begann. Und: Alexej von Jawlenskys Serie von Gesichtern verdankt, was bisher übersehen wurde, den starkfarbigen russischen Ikonendarstellungen Marias oder orthodoxer Heiliger ihre Entstehung, wobei er das menschl. Antlitz stark vereinfachte und bis an die Bildränder monumentalisierte.

Ich habe diese Ausführungen über die absolut subjektive Ausdruckskunst elementarer seelischer Erlebnisse in neuen Formen und in ungebrochenen Farben in z.T. großen Flächen deshalb so ausführlich skizziert, weil der Expressionismus der Dresdener ›Künstlergruppe Brücke‹ (die von 1905 bis Mai 1913 mit unzähligen Ausstellungen in ganz Dtld, in der Schweiz, in Dänemark, in Norwegen, in Holland, in Tschechien, in Polen sowie in Moskau für diesen neuen Stil warb) ebenso wie der romantisch u. mystisch orientierte u. v.a. auf Formprobleme konzentrierte Expressionismus der Münchener Künstlergruppe ›Der blaue Reiter‹ nicht nur in Dtld, sondern in ganz Europa eine bis heute anhaltende Rezeption bei Künstlerinnen und Künstlern erfuhr ‒ wie ich vor einigen Jahren in der hier sowie in Bad Berka u. in Schmalkalden gezeigten Ausst. ›Weltsprache Expressionismus 1905-2005‹ zu demonstrieren versuchte. Auch im konservativen Sachsen wurde durch negative Schlagzeilen rückschrittlicher Kunstkritiker ‒ ab der 1. Ausst. der ›Brücke‹-Kunstrevolutionäre im Herbst 1906 im Musterschauraum einer Dresdener Lampenfabrik ‒ der ›Bazillus expressionensis‹ pandemieartig unter experimentierfreudigen Künstlern verbreitet, welche die Sprengkraft dieser avantgardistischen Kunstsprache ‒ Made in Dresden/Germany ‒ noch potenzierten u. als Nachfolge-Organisation der ›Künstlergruppe Brücke‹ im Jahre 1919 die Dresdener Secessions-›Gruppe 1919‹ gründeten, zu der u.a. auch der hier mit einem für ihn typischen Holzschnitt vertretene Conrad Felixmüller gehörte. Daß parallel zum Expressionismus aber auch impressionistische Tendenzen weiterbestanden, zeigt uns z.B. der Holzschnitt ›Landschaft‹ des 1939 entlassenen und 1946 wiederberufenen Dresdener Professors Wilhelm Rudolph. Aber: Er blieb mit einigen Altmeistern Ausnahme, denn der Expressionismus war auch künstlerische Waffe gegen den konservativen bürgerlichen Geschmack ‒ und zu DDR-Zeiten gegen den staatl. verordneten antiformalistischen ›Sozialistischen Realismus‹ zur Schaffung des ›Neuen Menschen‹ (den übrigens schon die expressionist. Schriftsteller ab 1910 propagiert hatten). Es verwundert deshalb nicht, daß viele der hier ausgestellten Künstlerinnen und Künstler von Okt. 1949 bis Nov. 1989 den Expressionismus als Tarnkappe nutzten, um ihre seelische Befindlichkeit mit eigener expressionistischer Handschrift ausdrücken zu können, wobei z.B. das Enfant terrible der DDR-Kunstszene, A. R. Penck (der eigentl. Ralf Winkler hieß), Ernst Ludwig Kirchners Figuren-›Hieroglyphen‹ aufgriff und in monumentalen Bildzeichen popularisierte: Als seine künstlerische Antwort auf die monumentalen Wandbilder mit Arbeitern, Bauern, Ingenieuren und Soldaten, die den Sozialismus sowohl schaffen als auch verteidigen sollten.
Wie Sie bereits dem Flyer entnehmen konnten, entwickelten viele Künstlerinnen, wie z.B. Gudrun Trendafilov, Angela Hampel und Herta Günther, sowie Künstler, wie z.B. Gottfried Körner, Fritz Keller, Wolfgang Smy, Horst Leifer, Baldwin Zettel und Max Uhlig ihren eigenen, wiedererkennbaren expressionistischen Stil, womit sie, wie der Holzschneider u. Bildhauer Klaus Süss, vertreten mit dem Stuhl-Objekt ›Der Apfel‹ von 2016, eindrucksvoll unter Beweis stellen, daß weder die Nazis mit ihrem ›Entartete Kunst‹-Bildersturm von 1937 noch die Chefideologen der SED unter Leitung des ZK-Sekretärs Kurt Hager den Expressionismus endgültig zu Grabe tragen konnten. Denn: Expressionismus ist eine Weltanschauung, Lebenseinstellung und Lebensweise, die sowohl die älteren Künstler als
auch die jüngeren zum künstlerischen Ausdruck drängt. Was Otto Mueller, der Wegbereiter der ›K.G. Brücke‹ und ab Mai 1910 deren »selbstverständliches Mitglied«, bereits Ende 1897 in einem Brief an Gerhart Hauptmanns Schwester Lotte zu Papier brachte, gilt bis heute: (Ich zitiere aus Otto Muellers Brief:) »Ich denke: Ein Mensch, welcher von andern nichts verlangt, sondern das, was da ist, genießt u. geistig verarbeitet, wird sich auch von anderen nichts abverlangen lassen, sondern ruhig weiter arbeiten, und zwar nur für die, welche wiederum genießen können, was er verarbeitet hat.«

Liebe Kunstfreunde, genießen Sie bei Ihrem Rundgang die vielfältigen Stimmen von Künstlern aus Sachsen, darunter die figurativen Arbeiten der drei Professoren der sog. Leipziger Schule, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, sowie der Chemnitzer Künstlergruppe ›Clara Mosch‹, bestehend aus den Künstlern Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Thomas Ranft u. Gregor-Torsten Kozik ‒ aber auch das nonfigurative, sprich abstrakte, Werk des Dresdener Altmeisters der ›Weltsprache Abstraktion‹, Hermann Glöckner, der sein ab 1920 entstandenes gegenstandsloses Werk trotz aller staatlichen Widerstände bis 1987 in weitgehender Zurückgezogenheit weiterentwickelte, wobei er sich auf den in Ilmenau aufgewachsenen van de Velde-Schüler Max Ackermann berufen konnte, der bereits im Juni 1905 ‒ als gleichzeitig in Dresden die expressionist. ›K.G. Brücke‹ gegründet wurde ‒ das weltweit erste, nahezu abstrakte Pastell gefertigt hatte, 5 Jahre vor Wassily Kandinsky (dem trotz meiner Publikationen von 2013 und 2017 in allen Lexika diese künstler. Pioniertat weiterhin zugeschrieben wird). Womit wieder mal (auch in der Kunst) bewiesen ist: Ex oriente lux ‒ mit ein Grund, Ihnen diese Ausst. in der Galerie Schloß Ettersburg zu präsentieren.

Zum Schluß noch eine kleine Sehhilfe bei abstrakten Werken, in denen die Form aus der Farbe entwickelt ist: Fragen sie bei dieser inhaltslosen Kunstrichtung nicht, was stellt diese Arbeit dar, sondern: Wie ist sie gemacht und wie wirkt sie auf mich, was löst sie bei mir aus? Ich hoffe, daß sowohl nonfigurative als auch figurative Exponate etwas bei Ihnen ›auslösen‹ und zu Ihrem Wohlbefinden an diesem schönen Sonntag-Morgen in wunderschöner Umgebung beitragen ‒ dann hat sich unsere Arbeit und Ihr Kommen gelohnt!
(C) Dr. Hans-Dieter Mück

Bernhard Heisig: "Sitzende" (Lithographie, 1972) | Künstler und Künstlerinnen aus Sachsen: Karl Schmidt-Rottluff, Conrad Felixmüller, Wolfgang Mattheuer, A.R. Penck, KG Clara Mosch u.v.a., 42 Leihgaben aus einer Privatsammlung. Ausstellung bis 4. November, Mo – Fr. 9 bis 16 Uhr..
Bernhard Heisig: "Sitzende" (Lithographie, 1972) | Künstler und Künstlerinnen aus Sachsen: Karl Schmidt-Rottluff, Conrad Felixmüller, Wolfgang Mattheuer, A.R. Penck, KG Clara Mosch u.v.a., 42 Leihgaben aus einer Privatsammlung. Ausstellung bis 4. November, Mo – Fr. 9 bis 16 Uhr..

Diese Seite teilen

Schloss Ettersburg in den sozialen Netzwerken